… oder ist die Zunft der Haarkünstler nicht auch systemrelevant?

Martin Petschko mit seinem Team v.l.: Ehefrau Irene Petschko, Salonassistentin Kathrin Gfreiter, Friseurin Sabine Schindlbeck, Friseurin Marina Heider, Friseurin Maria Hanl sowie the master himself Martin Petschko (Foto: Petschko/FLH Media Digital)Martin Petschko mit seinem Team v.l.: Ehefrau Irene Petschko, Salonassistentin Kathrin Gfreiter, Friseurin Sabine Schindlbeck, Friseurin Marina Heider, Friseurin Maria Hanl sowie the master himself Martin Petschko (Foto: Petschko/FLH Media Digital)
Die Corona-Pandemie und die dadurch bedingten „Lockdowns“ bringen so manches zum Vorschein, was zuvor nicht wahrgenommen wurde. Nicht nur, dass Deutschlands Bildungssystem bezüglich der Digitalisierung extrem reformbedürftig ist, sondern auch zum Beispiel, dass so Selbstverständlichkeiten wie der regelmäßige Gang zum Friseursalon eben nicht mehr selbstverständlich ist. Bereits beim ersten Lockdown im Frühjahr 2020 wurde vielen bewusst, wie wichtig die Insel der Haarkultur für die eigene Eitelkeit ist, aber auch für ein gepflegtes Aussehen. Und jetzt das: Der erneute Lockdown. Beim morgendlichen Blick in den Spiegel wird einem auch bewusst, dass das Haar-Problem Deutschland in eine Zwei-Klassen-Gesellschaft gewandelt hat. Hat man nicht erst Fußballer mit top gestylten, modisch ausrasierten Frisuren bei den Pokalspielen im Fernsehen bewundern können? Was übrigens den Zentralverband Friseurhandwerk dazu bewegte, einen Brief an den Deutschen Fußballbund zu schreiben mit der Bitte, die Kicker daran zu erinnern, dass sie in gewisser Weise, gerade bei Heranwachsenden und jungen Männern eine Vorbildfunktion im modischen Auftreten haben und bezüglich der geschlossenen Friseursalons darauf Rücksicht nehmen sollten, also ihrem Haarwuchs eben auch „freiem Lauf“ lassen sollten und sie sich damit solidarisch mit ihren Fans erklären. Kam es einem nicht so vor, als ob die Kanzlerin nicht nur frisch geschnittene, sondern auch frisch getönte Haare bei ihren Auftritten hat? Auch bei vielen Politikern und anderen „öffentlichen“ Personen muss man zurzeit davon ausgehen, dass alle sehr viel Geschick und Profi-Wissen beim Stylen ihrer Haare haben. Doch was sagen betroffene Friseur*innen im Würgegriff der Pandemie selbst. Diese Frage hat uns Friseurmeister Martin Petschko, Inhaber des gleichnamigen Friseursalons in Bad Abbach und weit über Bad Abbach hinaus bekannt, in einem Telefonat beantwortet. Martin Petschko, Friseur und Haarstylist mit Leidenschaft, gab gerne Auskunft über die durch die Pandemie und den Lockdowns entstandenen Probleme für eine gesamte Branche.
Martin Petschko auf die Frage, wie es der Friseurzunft zurzeit geht:

Friseurmeister Martin Petschko (Foto: Petschko/FLH Medie Digital)„Bereits nach dem ersten Lockdown in 2020 unternahmen die Friseure alles, um die Anforderungen für eine geregelte Wiedereröffnung ihrer Geschäfte zu ermöglichen. Mit Hilfe der Friseurinnung und der Berufsgenossenschaft wurde ein Hygienekonzept entwickelt und auch schnell umgesetzt. Denn wir sind Unternehmer und haben unternommen; wir sind keine Unterlasser. Viele Friseurbetriebe sind deswegen auch von der Politik enttäuscht, denn trotz der Anstrengungen in Bezug auf die Hygienevorschriften wurde dies durch den erneuten Lockdown und der erneuten Schließung der Friseursalons in keiner Weise gewürdigt. Die Geschäfte konnten trotz der Wiedereröffnung nach dem ersten Lockdown in 2020 durch die neuen Hygieneauflagen nicht mehr in dem Umfang betrieben werden wie vor der Corona-Pandemie, die Umsatz- und Ertragssituation der Geschäfte hatte sich dadurch wesentlich verändert. Zum Teil waren Umsatzeinbußen von über 50 Prozent zu verkraften, da aufgrund der Hygieneauflagen einfach nicht mehr so viel Kundschaft bedient werden konnte. Es gab zwar staatliche Hilfen, doch diese erweisen sich nun im Nachhinein als ein zweischneidiges Schwert. So mancher Betrieb bereut inzwischen schon die Inanspruchnahme von staatlichen Hilfen zur Überbrückung des ersten Lockdowns, weil es aufgrund nachträglich geänderter Vorschriften mittlerweile Rückforderungen gibt.“

Bad Abbacher Kurier: „Wie ist die derzeitige Situation der Mitarbeiter*innen beim zweiten Lockdown?“


Martin Petschko:
Friseurmeister Martin Petschko (Foto: Petschko/FLH Medie Digital)„Für die Mitarbeiter ist die Situation besonders prekär. Viele Betriebe konnten zwar für ihre festangestellten Mitarbeiter die Kurzarbeiterregelung in Anspruch nehmen, doch bei der Gehaltsstruktur im Friseurgewerbe bedeutet dies nichts anderes als circa zwei Drittel von mehr oder minder geringem Gehalt. Eine Situation, die für die Mitarbeiter absolut nicht zufriedenstellend ist. Noch gravierender ist die Situation der Auszubildenden. Auszubildende können nicht in Kurzarbeit. Sie müssen ihre 39 Stunden pro Woche anwesend sein. Die meisten Friseurbetriebe widmen sich daher besonders der Ausbildung ihrer Azubis durch Üben an sogenannten „Trainingsköpfen“ und vielen Lehrstunden für den theoretischen Teil der Ausbildung. Doch auf Dauer ist dies keine Lösung für die Ausbildungssituation der Azubis. Ein geregelter Betriebsablauf, wie beim normalen Geschäftsbetrieb, ist immer noch die beste Grundlage für die Ausbildung. Denn hier lernt der Auszubildende das Wichtigste unseres Handwerks, das „Können“. Besonders schlecht sieht es für die Mini-Jobber im Friseurgewerbe aus. Diese Beschäftigten sind zwar eine unabkömmliche Stütze für einen Friseurbetrieb, da sie in Zeiten der betrieblichen Vollauslastung für die nötige „Manpower“ sorgen, doch die betriebliche Vollauslastung war nach Wiederöffnung der Salons nach dem ersten Lockdown eben aufgrund der Pandemie-bedingten Hygieneregelungen zur Seltenheit geworden. Der jetzige Lockdown bringt die Mini-Jobber wieder in große finanzielle Nöte und wie es weitergeht, kann niemand sagen.“

Bad Abbacher Kurier: „Was macht nun ein unausgelasteter Friseurmeister in der Zeit der Zwangspause?“


Friseurmeister Martin Petschko (Foto: Petschko/FLH Medie Digital)Martin Petschko:
„Es werden zurzeit alle Arbeiten erledigt, die sich im Laufe der Zeit angestaut haben und sowieso irgendwann hätten erledigt werden müssen. Ich bin selbst jeden zweiten Tag im Geschäft um nach dem Rechten zu sehen und dies und das noch abzuarbeiten. Aber vor allem sind bei mir Weiterbildung in Form von Webinaren und Videotrainings angesagt; also Ausbildung, Weiterbildung und Fortbildung, denn Müßiggang ist aller Laster Anfang.“

Bad Abbacher Kurier: „Niemand ist Hellseher, ist dennoch ein Licht am Ende des Tunnels zu sehen?“

Friseurmeister Martin Petschko (Foto: Petschko/FLH Medie Digital)Martin Petschko:
„Ein Lichtblick ist, dass wir nun wenigstens an unsere Kundschaft Gutscheine und Produkte sowie für unsere Kundinnen und Kunden individuell hergestellte Haarfarbmischungen verkaufen und ausliefern dürfen. Immerhin ein kleiner Anfang. Ansonsten bleibt nur die Hoffnung, dass der zweite Lockdown so bald wie möglich beendet wird und wir wieder das dürfen, was meine Kolleginnen und Kollegen mit Leidenschaft und Freude machen: Für unsere Kundschaft da zu sein und wir durch unsere Dienstleistung wieder zu einem gepflegten Erscheinungsbild und Selbstbewusstsein verhelfen zu können.“

Der Kommentar:
Und letztendlich gelangt man dann zur Systemrelevanz einer Branche. Die Systemrelevanz eines Berufes ist in Bayern nach der Corona-Verordnung definiert. Aufgezählt wird dabei unter anderem die Versorgung mit Drogerieprodukten als systemrelevant. Doch die Branche der Friseure ist nicht aufgeführt. Vielleicht sollten die Entscheider über einen Lockdown, wenn schon die Versorgung mit Artikeln der Körperpflege als systemrelevant erachtet wird, den nicht minder wichtigen Teil der Körperpflege, nämlich die Haarpflege, mit dazurechnen, zumal die Friseurzunft die Hygienevorschriften voll und ganz erfüllt, und nicht wie in § 12 Abs. 2 Elfte Bayerische Infektionsschutzmaßnahmenverordnung definitiv zum Schließen der Salons verpflichtet wird, denn die wenigsten werden sich selbst die Haare schneiden können. Gutes, gepflegtes Aussehen hebt nicht nur das Selbstwertgefühl, sondern gehört zu einem sympathischen Auftreten dazu, was Personen, die in der Öffentlichkeit stehen, sehr wohl wissen. Ob ihres Angesichts beim Blick in den Spiegel mürrische, unzufriedene Bürgerinnen sind demzufolge eventuell auch keine pflichtbewussten Wählerinnen. Ergo, die Friseure und Friseurinnen sind letztendlich auch systemrelevant.