Logo editorial„I lieg am Ruckn“
(Ludwig Hirsch)

Ja, es ist wieder so weit: Der Monat November, ungemütlichen, kalt, regnerisch, trübe und meist neblig, mit kurzen Tagen und kaum Sonnenlicht, aber mit dunklen, langen Nächten, drückt auf das Gemüt. Wer mag deshalb diesen Monat schon? Gedenktage, wie Allerheiligen, Allerseelen, Buß- und Bettag sowie Volkstrauertag und Totensonntag, sind ohne Zweifel wichtige Gedenktage, geben dem November aber auch einen Hauch von morbider Tristesse.

Und im November werde ich jedes Jahr sehr privat an die Vergänglichkeit allen Lebens erinnert. Zum einen mussten meine Familie und ich in einem November für immer Abschied von meiner Mutter nehmen; zum anderen nahm sich am einem November-Tag, genauer am 24. November 2011, ein von mir sehr geschätzter österreichischer Liedermacher in einem Krankenhaus das Leben: Ludwig Hirsch. Mit seinem Suizid ist er seinen teils mehr als makabren Texten und dem Genre der Wiener Dekadenz treu geblieben.
Dieser Tage geht mir ein Lied aus seinem Album „Dunkelgraue Lieder“, das 1978 erschienen ist, nicht aus dem Sinn, nämlich „I lieg am Ruckn“:
„I lieg am Ruckn und stier mit zugmachte Augen in die Finsternis.
Es is so eng und so feucht um mi herum – i denk an dich.
I kann's noch gar net kapieren: Du liegst heut Nacht net neben mir und i frier.
Wie lacht der Wind, wie weint der Regen?
I möcht's so gerne hören!
Du kannst dir's net vorstellen des beinharte Schweigen da vier Meter unter der Erden.

Die Schuh auf Hochglanz poliert, ein'n Scheitel haben s' mir frisiert.
I frag mi wofür?
Aber vielleicht stehst grad da oben mit ein paar Tränen und vielleicht sickert eine, a kleine zu mir durch?
A ganz a heiße, bitte, bitte lass eine fallen, weil mir is so kalt, mir is so kalt.

Und wann's dir erzählen, dass ein Toter um Mitternacht aus'm Grab ausse kommt – ja des war schön;
is aber ein Schmäh – es gibt ka Geisterstund!
I schwör dir's, i hab's probiert: Kein' Millimeter hab i mi grührt
I will zu dir ...

Was is'n des komische Krabbeln bei die Zehen da vorn?
Jessas Maria, der erste Wurm!
Du liegst da und kannst di net rühren;
die Würmer krallen dir ins Hirn und sie dinieren.
Aber vielleicht stehst grad da oben mit ein paar Tränen und vielleicht sickert eine, a kleine zu mir durch?
A ganz a salzige, bitte lass eine fallen auf mein Grab!
Vielleicht könn' ma d'Würmer damit verjagen.

I lieg am Ruckn und stier mit zugmachte Augen in die Finsternis.
Es is so eng und so feucht um mi herum – i denk an dich.
A Hoffnung is noch in mir: Vielleicht tun s' mi exhumieren?
Dann geh in d' Bliah und komm zu dir und hol dich zu mir, damit i net gfrier.“

Schön schaurig, macht aber auch nachdenklich. Doch keine Sorge, auf den November folgte bis jetzt jedes Jahr der Dezember und so wird es auch heuer sein – und dieser Monat vertreibt dann wieder alle depressiven und traurigen Gedanken.
Ich wünsche Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, trotz allem, 30 halbwegs fröhliche November-Tage. Und bleiben Sie gesund!
Ihr
Herausgeber