… Frauenpower beim Gillamoos

Alles andere als heiter weiß-blau präsentiert sich der Himmel über Abensberg beim weit über die Grenzen hinaus bekannten politischen Gillamoos-Montag. Und dennoch strömen Tausende Fußgänger mit Schirmen geschützt vor dem Nieselregen zum Festgelände, um Einlass und einen Platz in einem Festzelt zu bekommen. Denn auch heuer steht – wie im vorigen Jahr die Bundestagswahl – wieder eine Wahl vor der Tür: Die Landtagswahl in Bayern am 14. Oktober. Und der eine oder andere unschlüssige Wähler will sich die angesagte Politprominenz und deren Reden nicht entgehen lassen, aber die meisten Festbesucher an diesem Montag steuern zielsicher das Zelt der Partei an, in der sie Mitglied sind oder der ihre Sympathie gilt.
Ministerpräsident Dr. Markus Söder ließ es in seiner Rede nicht an markigen Worten fehlen (Foto: br-medienagentur)Ministerpräsident Dr. Markus Söder ließ es in seiner Rede nicht an markigen Worten fehlen (Foto: br-medienagentur)
An hochkarätigen Politikern fehlt es auch in diesem Jahr nicht. Allen voran spricht der bayerische Ministerpräsident Dr. Markus Söder im berstend vollen CSU-Festzelt zu seinen Anhängern. Begeisterten Applaus bestätigen seine kernigen Aussagen zu, beispielsweise, dem Thema „Kindergeld“; er will die Kindergeldzahlungen in das EU-Ausland begrenzen und „den Transfer an irgendwelche Kriminelle in Europa“ beenden und lieber deutschen Kindern mehr zugutekommen lassen. Hintergrund dafür sind Zahlungen an in Deutschland lebende EU-Ausländer-Eltern für deren Kinder, die im Heimatland verblieben sind oder in Deutschland leben, aber keinen deutschen Pass haben. Die Mehrheit dieser Kindergeldbezieher kommt aus der Türkei als Spitzenreiter, aus Polen und Rumänien.
Söder griff in seiner kernigen Rede auch das Thema „bayerisches Familiengeld“ auf. Er attackierte deswegen scharf das SPD-geführte Bundesarbeitsministerium. Die Sozialdemokraten seien dagegen, dass dieses Familiengeld auch an die gesellschaftlich Schwächsten ausgezahlt werde, nämlich an Hartz-IV-Empfänger. Unter Beifall betonte er, dass er – wohl fälschlicherweise – immer annahm, dass die SPD ein verlässlicher Partner sei, wenn es um eben die Schwächsten gehe.
Die SPD-Vorsitzende Andrea Nahles hielt sich aber genauso wenig im verbalen Schlagabtausch zurück wie...(Foto: br-medienagentur)Die SPD-Vorsitzende Andrea Nahles hielt sich aber genauso wenig im verbalen Schlagabtausch zurück wie...(Foto: br-medienagentur)
Dieser Aussage widersprachen unisono die Hauptrednerinnen im nur wenige Schritte entfernten Festzelt der Sozialdemokraten vehement. Sowohl die bayerische SPD-Spitzenkandidatin für die Landtagswahl, Natascha Kohnen, als auch die Gastrednerin, die SPD-Bundesvorsitzende Andrea Nahles, zeigten den Streit um das Familiengeld in einem anderen Licht auf. In ihrer äußerst engagierten und „feurigen“ Rede betitelte sie den Vorstoß des bayerischen Ministerpräsidenten bezüglich des Familiengeldes an „unseriös“. Er wisse ganz genau, dass dieses Familiengeld von Hartz-IV-Empfängern noch vor Weihnachten zurückgezahlt werden müsse und das sei eine üble Weihnachtsbescherung.
...die SPD-Spitzenkandidatin zur Landtagswahl, Natascha Kohnen (Foto: br-medienagentur)...die SPD-Spitzenkandidatin zur Landtagswahl, Natascha Kohnen (Foto: br-medienagentur)
Natascha Kohnen wurde noch deutlicher: Im April habe Söder das Familiengeld versprochen, wissentlich darüber hinweggesehen, dass es auf Hartz-IV angerechnet werden muss, worauf ihn der Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) in einem persönlichen Brief hingewiesen habe. Und Kohnen weiter: „Das ist Söder vor der Wahl doch egal. So etwas ist unanständig. Schamlos treibt er sein Familiengeld voran.“ Tosender Applaus der SPD-fahnenschwingenden Zuhörer im proppenvollen Festzelt war der geballten Frauenpower sicher.
Beide SPD-Damen betonten, dass die soziale Gerechtigkeit eines der wichtigsten Ziele ihrer Partei sei, gingen aber auch auf brandaktuelle Themen ein, wie beispielsweise die zeitnahen Vorfälle in Chemnitz, wo sich die AfD, deren Anhänger sich nicht auf dem Gillamoos-Festgelände, sondern im Abensberger Schlossgarten versammelt hatten, mit Rechtsradikalen, also mit Neonazis und PEGIDA-Getreuen, zusammengetan hatten. Nahles machte keinen Hehl daraus, dass sie die Beobachtung der AfD durch den Verfassungsschutz für unumgänglich hält, da die AfD weder bürgerlich noch patriotisch sei und verteilte noch einen Seitenhieb an die CSU und an den Landesvater, falls nach der Landtagswahl ein Koalitionspartner benötigt werde: „Schließen Sie, Herr Söder, endlich eine Koalition mit der AfD aus.“
Im Weinzelt am Gillamoos waren die Grünen vertreten, allen voran mit Katharina Schulze, Fraktionsvorsitzende und Spitzenkandidatin für die Landtagswahl der Grünen im Landtag, und Cem Özdemir, Bundestagsabgeordneter und ehemaliger Parteivorsitzender der Grünen (Foto: br-medienagentur)
Im Weinzelt am Gillamoos waren die Grünen vertreten, allen voran mit Katharina Schulze, Fraktionsvorsitzende der Grünen im Landtag, und Cem Özdemir, Bundestagsabgeordneter und ehemaliger Parteivorsitzender der Grünen (Foto: br-medienagentur)

Im Weinzelt auf dem Festgelände konnten die bayerischen Grünen den Ex-Bundesvorsitzenden der Partei Bündnis 90/Die Grünen, den Bundestagsabgeordneten Cem Özdemir, begrüßen. Hatten die Grünen im vorigen Jahr noch etwas wenig Zulauf, hat es sich heuer geändert. Bis vor die Tür des Festzeltes standen Zuhörer an, alle Plätze waren besetzt, um ihn zu hören. Großer Beifall war ihm gewiss. In seiner ureigenen, ruhigen, aber spitzfindigen Art teilte er aus: Früher sei CSU die Abkürzung für „Christlich Soziale Union“ gewesen, heute aber für „Chaoten sind unterwegs“, und bezüglich des schnellen Internets „betonte“ er, dass Glasfasern nicht giftig seien und deren Verwendung auch nicht verboten sei. Auch die beiden Spitzenkandidaten, Katharina Schulze und Ludwig Hartmann, erhielten großen Applaus für ihre Statements, gerichtet an die bayerische Agrarpolitik, Massentierhaltung und Antibiotika sind tabu, und bezüglich der viel gepriesenen inneren Sicherheit in Bayern merkte Schulze an, dass für sie ein vereintes Europa wichtiger sei als neue Grenzen. Abschließend seiner Rede verwies Hartmann darauf, dass seine Partei die absolute Mehrheit der CSU beenden werde und „das ist gut so“.
Ebenso auf dem Festgelände zogen die Freien Wähler, die FDP und die ÖDP mit mehr oder weniger kämpferischen Reden ihrer Spitzenkandidaten in den Landtagswahlkampf ein. Mitten in Abensberg, abseits vom Gillamoos-Geschehen, versammelten sich die Mitglieder und Freunde der Bayernpartei.
Der Festsaal im Gasthof Kuchlbauer war mit rund 230 Besuchern bis auf den letzten Platz besetzt. Die Reden von Fritz Zirngibl, Spitzenkandidat der Landtagswahl für Niederbayern, Florian Weber, Vorsitzender der Bayernpartei, und Hubert Dorn, Generalsekretär, waren sehr emotional.
Die Bayernpartei residierte dagegen wieder im Kuchlbauer am Stadtplatz mit seinen Rednern Fritz Zirngibl, Spitzenkandidat der Landtagswahl für Niederbayern, Florian Weber, Vorsitzender der Bayernpartei, und Hubert Dorn, Generalsekretär (Foto: br-medienagentur)Die Bayernpartei residierte dagegen wieder im Kuchlbauer am Stadtplatz mit seinen Rednern Fritz Zirngibl, Spitzenkandidat der Landtagswahl für Niederbayern, Florian Weber, Vorsitzender der Bayernpartei, und Hubert Dorn, Generalsekretär (Foto: br-medienagentur)
Zirngibl hatte sich als Schwerpunkte Altersarmut, Pflegekräftemangel, Bürokratisierungswahn, verteidigungsunfähige Bundeswehr und Asyl-Chaos in seiner Rede gesetzt. Zur Altersarmut und dem damit verbundenen niedrigen Rentenniveau beklagte Zirngibl die vielen versicherungsfremden Leistungen, die aus der Rentenkasse entnommen werden. Zum beklagenswerten Missbrauch der Rentenkasse gehöre, so Zirngibl, auch die Selbstbedienungsmentalität der Abgeordneten, welche sich bereits nach zehn Jahren eine Rente genehmigen, von welcher ein Arbeiter nach 40 Jahren harter Arbeit nur träumen kann. Und weiter: Ein Ende des Pflegenotstandes könne erst erreicht werden, wenn endlich eine leistungsgerechte Bezahlung der Pflegekräfte erfolge und zusätzlich der Pflegeschlüssel geändert würde, damit ausreichend Personal in Altenheimen und Krankenhäusern vorhanden sei. Um in die Asylpolitik wieder Ruhe und Ordnung zu bringen, fordert Zirngibl eine sofortige Beendigung des Asylverfahrens für alle Straftäter und auch all jene, welche sich mit gefälschten Papieren oder falschen Aussagen ein Asyl ergaunern wollten. Bargeldleistungen an Flüchtlinge dürfe es erst geben, wenn sich anerkannte Flüchtlinge einer sozialversicherungspflichtigen Arbeit zuwenden.
Florian Weber erwartet für die Bayernpartei ein 6%iges Wahlergebnis und Hubert Dorn war wieder in Angriffslaune: „Söder springt von Bierzelt zu Bierzelt und mit jeder Rede werden seine Umfragewerte um 5% schlechter!" Dorn forderte, dass in Bayern endlich wieder Heimatkunde als Schulfach eingeführt wird, damit Bayerns Schüler die bayerische Kultur und Geschichte vermittelt werden kann.